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Mi lindo Ecuador

Eigentlich hätte ich nie damit gerechnet, dass es mich einmal nach Südamerika verschlagen sollte aber dann hat sich alles ganz kurzfristig, fast von selbst, so ergeben. Dass ich nach der Matura ins Ausland wollte, hatte ich schon länger gewusst – erst wollte ich in Europa bleiben und EFD (Europäischer Freiwilligendienst) machen, doch dann kam plötzlich doch noch diese ganz romantische Idee in mir auf, in einem weniger weit entwickelten Land zu helfen – also so richtig zu helfen, die Welt zu verändern und mich quasi selbst zu verwirklichen. Alles Blödsinn! Ein Jahr später bin ich schockiert darüber, wie naiv ich doch war. Nichtsdestotrotz geht es in diesem Bericht um eine wunderschöne und abenteuerliche Zeit. Und, warum ich sofort wieder einen Freiwilligeneinsatz machen würde.

hannah-begle_ecuador_2016-3Über die Caritas Vorarlberg durfte ich von September 2015 bis Mitte April 2016 in einer Schule in Cuenca (eine sehr nette Stadt in Ecuador) arbeiten. San José de Calasanz ist eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, hauptsächlich für Kinder und Jugendliche. Es gibt normalen Schulunterricht, aber auch verschiedene Werkstätten (Bäckerei, Tischlerei, Töpferei, Malerei, Schneiderei).

Die ersten vier Monate war ich in einer Werkstätte, die eher schwerer behinderte Schüler besuchten, in der wir meistens einfache Motive zeichneten und ausmalten, mit verschiedenen Techniken und auf verschiedenstes Material. Erst hatte ich die Befürchtung, mir könnte es in dieser Klasse zu langweilig werden, doch ich bemerkte sehr schnell, dass dies überhaupt nicht der Fall war, weil die Schüler einfach mehr Hilfe brauchten und ich so rund um die Uhr voll beschäftigt war. Außerdem lernte ich die Arbeit auch schnell zu schätzen. Es war unglaublich schön zu sehen, wie schnell ich von ihnen ins Herz geschlossen wurde, wie einzigartig jeder Schüler für sich ist, wie lustig sie sein können und wie sie Fortschritte machen – oft nur sehr langsam, aber kontinuierlich. In der zweiten Hälfte meines Freiwilligeneinsatzes durfte ich in der Näherei mithelfen. Naja, wirklich genäht haben wir genau ein einziges Mal, aber dafür lernen die Schüler dort hauptsächlich sticken und stricken. Viele können bereits sehr selbständig arbeiten und bringen beachtenswerte Stücke hervor, für sie war ich eher als Freundin da, mit einem offenen Ohr für alles, was sie beschäftigt. Andere wiederum durfte ich ein bisschen mehr unterstützen. Natürlich braucht man für diese Arbeit viel Geduld, aber weil die Schüler einfach so lieb sind und es wirklich Spaß macht, mit ihnen zu arbeiten, kommt diese fast von selbst.

Eine besonders schöne Erfahrung für mich war, in der Schulband mitzuspielen. Da wurde hauptsächlich lateinamerikanische Folklore gespielt. Die Proben, die dreimal die Woche stattfanden, waren zwar nicht immer so spannend, aber gerade bei gelegentlichen Auftritten bewegte es mich immer wieder aufs Neue, mit wie viel Herzblut die Schüler dabei waren, wie sie mitsangen, mittanzten, ihre Freude scheinbar so mühelos mit dem Publikum teilten – und wie Musik so unglaublich schön sein kann, auch wenn sie bei Weitem nicht perfekt ist.hannah-begle_ecuador_2016-5

Insgesamt waren wir fast zwanzig Freiwillige aus Österreich und Deutschland, allein vier in meiner Schule. Betreut wurden wir vor Ort vom Pastoral Social, quasi unsere cuencanische Caritas. Da waren wir wirklich in guten Händen! Sie kümmerten sich um eine gute Zusammenarbeit mit den Gastfamilien und den Einsatzstellen, außerdem gab es für uns mindestens einmal im Monat ein Treffen, bei dem über alles Mögliche geredet wurde: wie es uns in dem fremden Land geht, was uns beschäftigt, die kulturellen Unterschiede, Politik, gesellschaftskritische Themen, …  Aber am Wichtigsten war für mich, zu wissen, dass ich immer Leute hatte, an die ich mich wenden konnte, sollte es ein Problem geben, und die bereits viel Erfahrung mit Freiwilligen haben und genau wissen, was uns Schwierigkeiten bereiten könnte.

Gröbere Probleme gab’s bei mir zum Glück aber eh nicht. Ich habe mich von Anfang an sehr wohl in Cuenca gefühlt, vor allem in meiner Schule, aber auch mit der Gastfamilie, bei der ich die ersten drei Monate wohnte. Zwar hatte ich es nicht unbedingt einfach mit meinen beiden Gastbrüdern (12 und 15 Jahre alt), weil sie nicht viel mit mir redeten und ich mich dadurch nicht besonders willkommen fühlte, dafür verstand ich mich aber mit meinen Gasteltern umso besser. Die nahmen mich schon vom ersten Tag an, wie eine eigene Tochter in die Familie auf, waren unglaublich nett und immer sehr bemüht. Hier durfte ich in den cuencanischen Alltag hineinschnuppern und sehr wichtige und interessante Dinge lernen. Über die Mentalität, die Kultur, das Familienleben, das dort so wichtig ist, wie Frauen behandelt werden und was für Machos Männer sein können.

hannah-begle_ecuador_2016-4Während der nächsten fünf Monate wohnte ich dann mit vier anderen Österreicherinnen in einer WG, wo natürlich nur Deutsch geredet und endlich korianderfrei gekocht wurde. Da hatten wir deutlich mehr Freiheiten und konnten Ecuador von einer anderen Seite kennenlernen: zum Beispiel konnten wir an den Wochenenden von Cuenca aus bequem in alle Richtungen reisen, sei es an den Strand, in den Regenwald, oder an andere Orte im Gebirge. Und Ecuador hat reisetechnisch wirklich viel zu bieten, die Ecuadorianer sagen immer: Es ist zwar nur ein sehr kleines Land, aber es gibt von allem was. Man sieht unglaublich beeindruckende Landschaften, besonders die Anden haben mich sehr fasziniert. Und die Straßen und das Bussystem sind super ausgebaut, man kann praktisch alles sehr günstig erreichen. Natürlich muss man sich immer ein bisschen mehr Zeit einplanen, unter anderem, weil man sich über bestimmte Routen erst direkt vor Ort informieren kann. Und flexibel bleiben, gerade was Abfahrtszeiten betrifft – aber schlussendlich hat immer alles irgendwie geklappt. Das war vor allem den Ecuadorianern selbst zu verdanken, die so hilfsbereit sind, dass sie lieber eine falsche als gar keine Auskunft geben.

hannah-begle_ecuador_2016-2Und so vergingen diese acht Monate in Ecuador leider viel zu schnell. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich beschlossen habe in dieses Land zu gehen, bis hin zum Rückflug hat sich viel getan: Ich durfte unglaublich viel lernen, auch über mich selbst. Wahrscheinlich bin ich etwas offener geworden, betrachte nun Vieles aus einem etwas anderen Blickwinkel. Manches hat sich bestätigt, so wie ich mir das vorgestellt hatte, das Meiste ist jedoch ganz anders gekommen, keinesfalls im negativen Sinne – so wie man im Leben eben nie genau wissen kann, was einen erwartet. Für mich war es jedenfalls das Beste, was ich tun konnte, zwischen Schule und Studium ein Jahr lang etwas ganz Anderes zu machen und auch etwas Abstand bekommen von unserer „Schulwelt“ aber auch von dieser Bubble namens Österreich – man sieht vieles hinterher mit ganz anderen Augen.