Youth Reporter

Armutstourismus oder ein Perspektivenwechsel?

Alternative „Ländleführung“ mit Obdachlosen – eine Zukunftsidee für Vorarlberg?

TouristInnen und Obdachlose zusammen unterwegs – eine seltene Kombination. Was führt dazu, dass UrlauberInnen ihre Zeit mit Obdachlosen verbringen? Schon mal etwas von alternativen Stadtführungen gehört? Mittlerweile ist eine solche Führung von großen Städten wie Berlin, Hamburg oder auch Wien, gar nicht mehr wegzudenken. Die Frage ist: Wäre das auch etwas für unser Ländle?

Welche Maßnahmen müssten ergriffen werden, damit eine „alternative Ländleführung“ überhaupt in Betracht gezogen werden könnte? Dazu müssen wir erst einmal eine Frage im Vorhinein klären: Gibt es in Vorarlberg überhaupt Obdachlose? – Klar, gibt es diese . . . eigentlich. Das Problem ist nur, dass sie oftmals nicht als solche vermerkt sind, weil sie beispielsweise bei Verwandten oder FreundInnen unterkommen und deshalb nicht ins System fallen. Außerdem muss man zusätzlich zwischen obdachlos und wohnungslos unterscheiden.

Als wohnungslos gelten jene, die für eine kurze Zeit in speziellen Einrichtungen wie dem Bonetti Haus, Dowas, ifs oder ähnlichem wohnen. Und als obdachlos gelten Personen, die auf der Straße oder in Notquartieren übernachten. In Vorarlberg spricht aber kein Notquartier davon, dass wir im Ländle Obdachlose haben, weil theoretisch für alle, die kein Dach über dem Kopf haben, zumindest temporär Krisenwohnungen, Notquartiere wie die Caritas-Notschlafstelle oder ähnliches zur Verfügung stehen. Obdachlosigkeit ist daher in Vorarlberg sehr gut aufgefangen. Aber es gibt auch bei uns mit Sicherheit immer wieder Menschen, die zwischendurch ohne Obdach sind. Genaue Informationen dazu lassen sich nur schwer finden. Die einzigen Zahlen, die im Internet hierzulande immer wieder auftauchen, dokumentieren laut WANN & WO, dass im Jahr rund 200 Menschen in einer Caritas-Notschlafstelle in Vorarlberg schliefen und es derzeit laut ORF 15.000 Obdachlose in Österreich gäbe.

Andere Perspektiven

Vielleicht müssen wir aus diesen Gründen die Idee fürs Projekt ganz neu ansetzen und nicht nur von Obdachlosenführungen sprechen, sondern auch von Führungen mit Menschen aus ärmeren Verhältnissen, oder auch Stadtrundgänge mit Geflüchteten in Betracht ziehen. So hätten wir auf einmal ganz viele verschiedene Möglichkeiten, unser Ländle aus anderen Perspektiven zu sehen. Wäre es denn nicht interessant, zu wissen, welche Orte die Leute begeistern, die sich keine Kinobesuche oder Restaurants leisten können? Oder stellt sich niemand die Frage, welche besonderen Orte oder Gegenden Menschen, die aus einem anderen Land geflüchtet sind und sich hier in einer neuen Umgebung einleben müssen, entdeckt haben? Und außerdem könnten wir so den Leuten, die kaum einen Einfluss in unserer Gesellschaft haben, eine Stimme geben. Zusätzlich bekämen jene eine Möglichkeit, gewisse Vorurteile wegzuräumen und könnten vielleicht sogar wieder Fuß in der Gesellschaft fassen. Personen, die eine solche Führung leiten, dürften natürlich nicht völlig leer ausgehen. Mein Vorschlag: Sie bekommen im Durchschnitt um die 20 bis 25 Euro. Damit können sie sich zwar nicht wirklich viel leisten, aber es wäre ein Anfang. Und wer weiß, vielleicht werden solche Führungen ein Hit in Vorarlberg und die Guides dieser Touren können über eine Gehaltserhöhung sprechen.

Armutstourismus?

Aber Achtung: In Anbetracht einer fairen Entlohnung sei auch die Frage erlaubt: Was passiert wenn sie sich aus der Armutsschicht heraus kämpfen? Können sie dann ihre „Jobs“ behalten oder sind sie dazu nicht mehr arm genug? Dient das alles somit nur dem Armutstourismus, der schlussendlich alleinig der Stadt bzw. dem Land zu Gute kommt? Oder ist es wirklich ein Perspektivenwechsel, in zweifacher Hinsicht: die Stadt aus einer anderen Perspektive zu sehen und zugleich unsere Perspektive im Bezug auf Obdachlose, Flüchtlinge und die arme Gesellschaft zu ändern?

Ein Versuch wert

Man kann es sehen wie man will. Meiner Meinung nach, überwiegen trotz der ganzen Einwände die positiven Seiten. Und genau diese Meinung teilt auch der Vorarlberger Kulturservice. Laut Sabine Benzer, sei es auf alle Fälle einen Versuch wert, die Region Vorarlberg aus der Perspektive von wohnungslosen Menschen und Menschen mit sehr geringen Ressourcen zu erleben. Außerdem würden so die Themen „Wohnungsnot, leistbarer Wohnraum, teure Lebensunterhaltungskosten und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sensibilisiert“ werden. Und natürlich sei auch die „Ermächtigung dieser Guides im Rahmen eines solchen Projekts eine wichtige Sache“, so Benzer.

Aussichtsreiche Fakten

Auch die Organisation Shades Tours Vienna hat einige aussichtsreiche Fakten dem Projekt hinzuzufügen: Shades Tours bietet nämlich genau solche Führungen mit Obdachlosen in Städten wie Wien und Graz an. In den Jahren von 2016 bis 2018 führten sie eine Studie über die positiven Auswirkungen ihrer Führungen durch: 15 Guides seien heute in der Re-Integrationsphase, drei weitere würden im Shades Tours Office arbeiten und andere machen eine Ausbildung zum Fremdenführer. Insgesamt spricht die Organisation von einer Win-Win Situation für ihre Guides sowie die TeilnehmerInnen. Sowohl in Bezug auf Aufklärung, Toleranz und Verständnis der Gäste als auch, was die Punkte Motivation, Einkommen und Zukunftschancen von Seiten der Obdachlosen angeht. Zur Freude der OrganisatorInnen beschreiben die meisten TeilnehmerInnen ihr Erlebnis mit Worten wie „Unvergesslich!“ oder „Wunderbare Erfahrung“. Ein anderer spricht auch davon wie sich sein Verhalten gegenüber Obdachlosen zum Guten gebessert habe.

Wer weiß, ob bei so viel Positivem, so ein Projekt möglicherweise auch schon bald in Vorarlberg realisierbar ist. Begeisterung würde eine „alternative Ländleführung“ bestimmt von vielen Seiten bekommen. Und KritikerInnen sollten ihre Meinungen am besten erst kundgeben nach dem sie an einer solchen Führung teilgenommen haben, denn der Großteil wird dann gewiss von den positiven Aspekten überzeugt sein.