ESK-Freiwilligendienst

„Das Leben ist eine Kombination aus Magie und Pasta“ (F. Fellini)

Dieses Zitat des großen italienischen Filmemachers beschreibt mein Auslandserlebnis, von dem ich vor kurzem zurückgekehrt bin, recht genau. In den Genuss von Pasta aller Arten kam ich täglich und oft nicht nur einmal. Magie war auch immer wieder im Spiel – auf dem Harry Potter Fest beispielsweise, das ich an meiner Arbeitsstelle organisierte, aber vor allem im Zauber neuer Begegnungen, Freundschaften, unbekannter Orte und der Tatsache, zum ersten Mal in einem fremden Land zu leben und dabei zu merken, dass dieses Tag für Tag immer weniger fremd und immer mehr zu einem neuen Zuhause wurde.

Nachdem ich im Juni 2017 meine Schullaufbahn mit der Matura beendet hatte, ließ ich im September darauf also mein knapp 400 Seelen zählendes österreichisches Dorf hinter mir -mich hatte das Fernweh gepackt, ich wollte andere Gebiete, neue Menschen und mich selbst besser kennen lernen. Ziel der Reise war Forlí, eine mittelgroße Stadt in der italienischen Region Emilia-Romagna, wo ich im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes (neu ESK-Freiwilligendienst) 10 Monate leben würde.

Meine Einsatzstelle war die Fondazione Opera Don Pippo, eine Sozialeinrichtung für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Die Herzlichkeit, mit der ich dort am ersten Tag empfangen wurde, war über die Dauer des Projekts prägend. In diesem Bereich zu arbeiten, war eine ganz neue Erfahrung für mich, doch es dauerte nicht lange, bis ich mich eingewöhnte, besonders dadurch, dass mich die operatori, aber vor allem auch die Menschen mit Behinderungen sogleich und selbstverständlich in ihre Gemeinschaft aufnahmen.

Indem ich den Alltag mit ihnen teilte, lernte ich die Menschen dort schnell gut kennen, wusste bald, wer was gerne tat und was weniger und vor wem ich die Kaffeemaschine in Sicherheit bringen musste. Donatella besitzt eine große Hingabe zu Kaffee und ihr Lebensziel ist es wohl, so viel wie möglich von diesem Genussmittel zu ergattern, wofür sie schon einige wohldurchdachte Strategien ausgearbeitet hat. So wird der/die nichtsahnende BesucherIn der Einrichtung freundlich von ihr begrüßt und sogleich zum gemeinsamen Kaffeetrinken an der Kaffeemaschine eingeladen, wobei die Bezahlung natürlich vom/von der BesucherIn und möglichst nicht unter den Augen eines argwöhnischen operatore zu erfolgen hat. Sie ist auch in den Bars des ganzen Gebiets berühmt und berüchtigt, da sie immer wieder heimliche Ausflüge auf eigene Faust dorthin unternimmt, um an ihren geliebten Kaffee zu kommen.

Franca hingegen findet zwar weniger Gefallen am Kaffee, dafür aber an abendlichen Ausflügen. Tagelang kann sie aufgeregt vom bevorstehenden Kinobesuch erzählen, wenn dann aber endlich die Lichter im Kinosaal ausgehen und der Film beginnt, fällt sie sofort in einen tiefen, friedlichen Schlaf und erfüllt den ganzen Saal mit ihrem Geschnarche.

Ida wiederum machte mir Tag für Tag immer wieder dieses wohl sehr lieb gemeinte Kompliment: „Sei bella è buona come prosciutto, come prosciutto crudo, sei la più bella di tutti.“ (Du bist schön und gut wie Schinken, wie roher Schinken sogar, du bist die Schönste von allen).

So begann ich ihre Eigenheiten und die Verschiedenheit ihrer Persönlichkeiten zu schätzen und lernte eine Menge von ihnen. Besonders imponierte mir, wie sehr sie sich stets über die kleinen Freuden des Lebens freuten, wie über kleine Ausflüge beispielsweise auf den Markt, Besuche von Freunden oder einen unerwarteten süßen Nachtisch. Außerdem wurde mir bewusst – wenn auch natürlich bei Don Pippo kleinere und größere Zankereien an der Tagesordnung stehen – was für eine große Wirkung die anschließende Versöhnung, ein offenherziges, liebevolles Miteinander haben können und vor allem, dass unsere persönliche Zufriedenheit, unser Selbstbild, der so oft engstirnig benutzte Begriff Normalität absolut subjektiv sind und wir selbst somit viel mehr Einfluss darauf haben, als wir uns zugestehen würden.

Der zweite Grund, warum mein Auslandsaufenthalt so interessant, unternehmungsreich und vielfältig gewesen ist, war das große Netzwerk an Freiwilligen aus den unterschiedlichsten Staaten Europas mit vielen gemeinsamen Aktivitäten. Wir bereisten gemeinsam die Region und wagten uns auch in weiter entfernte Städte, aßen Pizza mit Blick auf den Vesuv im chaotischen, aber auf seine Weise faszinierenden Neapel, flanierten an den Kanälen Venedigs entlang, genossen den Ausblick auf die gewaltige Kuppel des Florentiner Doms von der Piazzale Michelangelo aus, spazierten durch das majestätische Turin, statteten Romeo und Julia in Verona einen Besuch ab, genossen die südliche Atmosphäre und die Traumstrände in Apulien und noch viel mehr.

Wenn wir an den Wochenenden einmal nicht mit den scheinbar immer verspäteten trenitalia unterwegs waren, um das Land zu erkunden oder ab April die Sonne am Adria-Strand zu genießen, veranstalteten wir „Länder-Feste“. Jede/r Freiwillige konnte so ein wenig seine/ihre Küche und Kultur vorstellen. Ich erhielt durch all dies direkte Einblicke in andere europäische Staaten, erlebte und erfuhr so viel Neues. Gleichzeitig wurde uns Freiwilligen aber auch bewusst, wie ähnlich wir uns trotz kultureller Unterschiede in Werten und Einstellungen sind, wie einfach es ist, neue Freundschaften zu knüpfen. All dies stärkte den Glauben an ein vereinbares, starkes Europa.

Eine so lange Zeit unter den Einheimischen lebend, konnte ich eine neue Kultur von innen kennenlernen. Ich begegnete einem doch recht anderen Volk, das mir fast immer sehr offen und herzlich entgegentrat, das unheimlich gern plauderte, verrückt Auto fuhr und die Dinge meist gelassener anging, wenn es sich nicht gerade um ein unerwartetes Schneechaos handelte (zu meiner Belustigung wurden sogleich alle Schulen und die Universität geschlossen und überall herrschte Panik, als es im Februar 5 cm schneite). Zudem lassen die Italiener ihr zugegebenermaßen sehr leckeres Essen hochleben, genießen es auf eine andere Weise und können Stunden von „Cappelletti“, „Piadina romagnola“ oder anderen typischen Gerichte schwärmen, die mir jetzt wieder zurück im Ländle doch sehr fehlen.

Abschied nehmen bedeutet immer ein wenig sterben, heißt es. Und ja, ich habe einen Teil von mir dort gelassen, ein Teil von dort ist aber auch mit mir gekommen. Die Zeit in Forlì wird immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen. Und ich komme wieder, denn wie es in der Hymne der Region heißt: „Romagna mia,
lontan da te non si può star“ (fern von dir kann man nicht bleiben). Ci vediamo presto!

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